Ein Weltwort | Wulf Kirsten

Ein Weltwort

von Wulf Kirsten

Cover Der Berg über der Stadt

Der Berg über der Stadt

Eines Septembertages des Jahres 1992 besuchte ich während eines Provence-Urlaubes die Stadt Avignon, deren Lichtermeer nachts von dem Bergdorf Séguret aus zu sehen war. Wie überall, wo der Massentourismus auf dem Globus Einzug gehalten hat, konzentrieren sich die Besucherströme dicht gedrängt auf kleinen Raum

Am Eingang der Synagoge unweit des Papstpalastes war es still. Nur zwei Besucher, die Einlaß begehrten. Der Mann der uns öffnete, ein Jude nordafrikanischer Herkunft, versuchte in Erfahrung zu bringen, mit wem er es zu tun hatte, woher wir zwei kamen. Gebrochen radebrechend versuchten wir uns verständlich zu machen. Vorwiegend mit Ortsangaben, die jedoch samt und sonders dem Hüter des Hauses nichts sagten. Thüringen – kein Begriff. Weimar – ein Fremdwort. Nichts zu machen. Plötzlich, wer war nur darauf gekommen, fiel das Wort, das ihm geläufig war. »Ah, Bükenwald!« Nun war er im Bilde. Ebenso die Besucher. Die Verständigung war gelungen über ein Weltwort. Nun wußte ich eingebrannt scharf, woher ich kam. Das läßt man sich gesagt sein, um es nie wieder zu vergessen.

In dem Buch »Zeit aus den Fugen. Aufzeichnungen« (1968) berichtet der deutsche Schriftsteller Werner Kraft, der wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 aus Deutschland vertrieben wurde und seit 1934 in Palästina Zuflucht gefunden hatte: »Als gejagt von Hitler die Juden nach Palästina kamen, kaum noch lebendiges Strandgut, war Ludwig Strauss in dem Kinderdorf Ben Schemen unter denen, die der Jugend Unterricht gaben. Einmal stellte er die Frage, ob jemand wisse, was Weimar sei, und erhielt blitzschnell die Antwort: »Eine Stadt in der Nähe von Buchenwald.«

Luftbild Ettersberg bei Weimar | Weltwort Wulf Kirsten

Luftbild Ettersberg bei Weimar

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