Vorwort

 Dr. Bernhard Vogel

Dr. Bernhard Vogel

„Es war durchaus sonnig und anmutig umher, und wir spielten hier an schönen Sommertagen unsere improvisierten Possen“, so beschrieb Goethe seine ersten Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit auf Schloß Ettersburg. „Hier fühlt man sich groß und frei, wie die große Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.“

Nur 1300 Meter von diesem Ort entfernt, an dem der junge Dichter als „Orest“ in seiner „Iphigenie auf Tauris“ brillierte und an dem Herder von seinem Ideal einer Gesellschaft der Humanität und der Toleranz sprach, entstand auf dem Ettersberg ein Ort des Grauens.
„Hier gibt es weder Vater noch Bruder noch Freund. Hier lebt und stirbt jeder für sich“, schrieb Elie Wiesel über das Konzentrationslager Buchenwald, über einen Ort und ein System der Menschenverachtung, in dem Menschen nur noch Nummern waren, in dem sie ihrer Identität und ihrer Humanität beraubt wurden.

Die nationalsozialistischen Mörder wußten genau, was sie auf diesem Berg taten. Nur wenige Tage nach dem Eintreffen der ersten Häftlinge schrieb Theodor Eicke, der Inspekteur der nationalsozialistischen Konzentrations-lager, an Himmler mit beispiellosem Zynismus: „Die angeordnete Bezeichnung K.L.Ettersberg kann nicht angewendet werden …, weil Ettersberg mit dem Leben des Dichters Goethe in Zusammenhang steht.“

So wie die Stadt Weimar steht auch der „Berg über der Stadt“ für die „unheimliche Nähe zwischen klassischer Kultur und moderner Barbarei“, von der Jorge Semprun gesprochen hat. Wo in Deutschland ist das Spannungsfeld zwischen Humanität und Unmenschlichkeit, zwischen geistiger Freiheit und Totalitarismus deutlicher mit Händen zu greifen als auf diesem Berg? Ein Berg, auf dem nach dem Kriegsende mit der Internierung vieler Unschuldiger durch die sowjetische Besatzungsmacht erneut Unrecht geschah. Ein Berg, an dem russische Soldaten desertierten und erschossen wurden – eine Tatsache, die zu DDR-Zeiten verschwiegen wurde. Ein Berg, der als militärisches Übungsgebiet den Bürgerinnen und Bürgern von Weimar in großen Teilen versperrt blieb. Ein Berg, auf dem tief in die Natur eingegriffen wurde. Ein Berg, an dem die Geschichte der letzten 70 Jahre immer wieder deutliche Spuren hinterlassen hat.
Auf dem Ettersberg bleibt mit der Gedenkstätte „Konzentrationslager Buchenwald“ eine „Brandwunde der Erinnerung“ (Primo Levi). Eine Brandwunde, die uns mahnt, für Freiheit, Frieden, Toleranz und Mitmenschlichkeit und gegen Unrecht und Extremismus einzutreten. Eine Brandwunde, die es bis heute nicht leicht macht, sich diesem Ort wirklich zu „nähern“.

Der Fotograf Harald Wenzel-Orf und der Schriftsteller Wulf Kirsten stellen sich mit eindrucksvollen Aufnahmen sowie mit einfühlsamen und lesenswerten Texten der Ambivalenz des Ettersbergs. Ihre schwierige „Spurensuche“ an diesem Ort ist nicht nur eine sensible Annäherung an den schwierigen „Hausberg“ Weimars. Sie ist auch ein Plädoyer, nichts zu verdrängen. Und diese Dokumentation der Gegenwart hält die Erinnerung an die Vergangenheit wach – die Erinnerung an die Schönheit dieses Ortes ebenso wie die Erinnerung an die Unmenschlichkeit, die von diesem Ort ausgegangen ist. Zugleich sind die Fotografien und Texte beachtenswerte Zeitdokumente der Jahre seit der friedlichen Revolution 1989.

Daß es den beiden Autoren mit künstlerischen Mitteln gelingt, Unbeschreib-liches zu beschreiben, Fragen zu stellen, Zusammenhänge sowie Wider-sprüche anzudeuten und nachdenklich zu machen, das ist das besondere Verdienst dieses Buches, das macht es lesens- und sehenswert. Ich wünsche dem „Berg über der Stadt“ – weit über die Grenzen Weimars und Thüringens hinaus – viele aufmerksame Betrachter und Leser.

Dr.Bernhard Vogel
Ministerpräsident des Freistaates Thüringen

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