Essay von Günter Kunert

Arrangement mit Goethe

Essay von Günter Kunert

Günter Kunert

Günter Kunert

Es gibt Ortschaften, namhaft, weil in ihnen eine Berühmtheit gelebt und gewirkt hat. Amsterdam sonnt sich im Ruhme Rembrandts, und Stratford upon Avon wäre eine durchschnittliche englische Kleinstadt ohne ihren einstigen Bürger William Shakespeare. Natürlich lassen sich die Genies aus Kunst und Kultur auch glänzend vermarkten. Salzburg ohne Mozartkugeln ist undenkbar. Ein eigentümlicher Stolz macht sich bei vielen Menschen bemerkbar, weil in ihrer Stadt, in ihrer Region, in ihrem Vaterland eine weltbekannte Zelebrität existiert hat. Als falle ein Abglanz von dem großen Manne auf die eigene Person, ja, als sei man durch die rein topographische Beziehung selber geadelt.

Ernst Niekisch hat in seinem Buch „Das Reich der niederen Dämonen“ angemerkt, dass die Deutschen, auf ihre Klassiker pochend, sich selber für Gold ausgäben, obwohl sie eigentlich Schrott wären. Ein hartes Wort, doch insofern richtig, als jede Nation den Zufall, in ihrer Mitte einen begnadeten Künstler besessen zu haben, als Eigenleistung ausgibt. So entstand die allseits verwendete, aber irrige Formel von den Deutschen als Volk der Dichter und Denker. Damit durfte man sich schmücken, denn durch die Zugehörigkeit zu solchem Volk war man nicht bloß ein Irgendwer, sondern ein den Klassikern irgendwie metaphysisch verwandtes Individuum. Und man ignorierte, wie die besagten Klassiker zu höchst unehrenhaften Zwecken gebraucht und missbraucht wurden. Unsere Klassiker haben allen Regimen und Diktaturen getreulich gedient und zwar nicht nur, weil sie tot und damit wehrlos gewesen sind, sondern, weil ihre Werke den jeweiligen Wünschen entsprechend interpretiert werden konnten. Wer hat sich nicht alles auf Goethe berufen?

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Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren, lebt in Itzehoe.
Im Hanser Verlag sind seit 1963 zahlreiche Lyrikbände, Prosastücke und Essays erschienen, zuletzt: Fremd daheim (Gedichte, 1990), Die letzten Indianer Europas. Kommentare zum Traum, der Leben heißt (Essays, 1991), Der Sturz vom Sockel (Feststellungen und Widersprüche, 1992) Im toten Winkel (Ein Hausbuch, 1992), Baum. Stein. Beton. (Reisen zwischen Ober- und Unterwelt, 1994), Mein Golem (Gedichte, 1996), Erwachsenenspiele (Erinnerungen, 1997) und Nacht-Vorstellung (Gedichte, 1999)

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