HANS FALLADA – LEBENSORTE

Vorwort

Die Fotoausstellung „Hans Fallada – Lebensorte“ versucht auf ungewöhnliche Art einen Zugang zu diesem exemplarischen und bis heute umstrittenen Künstlerschicksal zu öffnen, indem der Betrachter aus möglichst unverbrauchtem Blickwinkel überraschende Sichten auf Stätten und Schauplätze gewinnen soll, die mit dem Weg des Hans Fallada verknüpft sind.

Obwohl sich die Auswahl der abgebildeten Sujets an einer chronologischen Linie orientiert, versteht sie sich deshalb nicht als weiterer Versuch einer Bildbiographie, sondern bemüht sich vielmehr, das Vergangene mit dem Heutigen in spannungsvolle Korrespondenz zu bringen.

Dieser fotografischen Sicht von Harald Wenzel-Orf stellt sich ihre textliche Begleitung zur Seite. Schriftstellerzitat und erläuternder Hinweis wollen kein plattes Echo zur Bildsprache erzeugen, sondern für die unterschiedlichsten Lebensorte des Menschen Rudolf Ditzen, der Hans Fallada wurde, einen historisch mehrfach besetzten Begegenungsraum schaffen, der von der Möglichkeit zu erregendem Vergleich und andauerndem Nachdenken erfüllt ist.

Es ist zu wünschen, dass im Gegenlicht von damals und heute im Betrachter ein Bedürfnis nach erneuter Auseinandersetzung, nach weiterer Lektüre, nach Frage und fortgesetzter Suche ausgelöst wird, das Kunstgenuss bedeuten konnte und geistigen Impuls zu geben vermochte.

Im 50. Jahr nach Hans Falladas Tod sehen wir den würdigen Anlass, mit den spezifischen Mitteln der Fotografie und ihrer Verbindung zum Wort auf neuartige Weise sichtbar zu machen, daß Falladas Werk immer noch wirksam ist und uns dadurch unverzichtbar erscheint. Diese Intention der dargebotenen Bildfolge steht bewußt im treibenden Widerspruch, der die Utopie vom Festhalten des Vergenenden einen menschlichen Wunschtraum sein läßt, immerwährend, solange es Menschen gibt. So mag sich diese Fotoschau nicht im bedauernden oder staunenden Blick auf historische Gewesenes erschöpfen, sondern sie will zugleich auch Angebot und Aufforderung sein, mit dem Wissen um unser Herkommen sich im heutigen Tag zu bemühen, daß auch künftig Hoffnung möglich ist und gute Wege begehbar bleiben.

Manfred Kuhnke
Carwitz, im Juli 1997