Anna Stephan: “Kennen Sie Liwanzen?”

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Anna Stephan Neumarkt/Oberpfalz| *1892

Anna Stephan
Neumarkt/Oberpfalz| *1892

Ich war sechs Jahre, als mein Vater gestorben ist. Wir waren daheim zwölf Stück, die Älteste fünfzehn Jahre und die Jüngste zweiundzwanzig Wochen Da hat´s noch keine Rente gegeben, und Mutti musste zur Arbeit gehen. Die größeren Kinder mussten die Ziegen hüten und heuen gehn.

Anna Stephan im Jahre 1923, mit ihrem Bruder und ihrer ältesten Tochter.

Anna Stephan im Jahre 1923, mit ihrem Bruder und ihrer ältesten Tochter.

Mutter war streng! In unserem großen Garten haben wir gern das Obst von den Bäumen geschüttelt, dafür haben wir oft Geschimpftes gekriegt, und eine Watschen hat´s auch schnell gegeben. Wir sind viel in den Wald gegangen, Schwammerln suchen und Schwarzbeeren, die sind verkauft worden oder für die Herrschaften, dass ein paar Kreuzer reingekommen sind.

Wir haben Steinchenhupfen und so´n Zeug gespielt. Man malte Kreidekästchen, und dann hupfte man mit einem Stein oder Glas auf dem Arm, und das durfte nicht runterfallen.

Und Hühnerwarten haben wir oft gemacht, einer ist `naufgegangen und hat die Hühner gefangen, und der andere hat fühlen müssen und warten, ob es ein Ei legt.

Das gibt´s alles nimmer. In der Schule war´s, wie es halt in Schulen so war. Wir hatten nur drei Klassen. Ich hab nix wie Batzen gekriegt, oder ich musste raus oder hinter der Tafel stehen. In die Schule haben wir zwei trockene Brote und Ziegenmilch zum Kaffee mitgekriegt.

Anna Stephan als junge Frau.

Anna Stephan als junge Frau.

Unser Dorf hieß Altenteich, das ist im Egerland, nicht weit von Franzensbad. Es war ein großes Gut, und weil wir arm waren, kriegten wir von den Herrschaften einen Zettel, dafür gab´s ein paar neue Schuhe. Ach, haben wir da eine Freud gehabt! Sie haben viel Geld für uns ausgegeben.

Im Dorf gab es eine Schmiede, eine Fassbinderei und alles was man so brauchte. Wir hatten einen kleinen Laden, aber als mein Vater gestorben ist, hat den meine große Schwester gekriegt. Mutter hat nach Vater noch zweimal geheiratet, und immer hat sie Witmänner mit Kindern geheiratet, zuletzt waren wir vierundzwanzig. Wir haben immer gesagt: „Meine-deine-seine-unnere!“

Im Dorf war eine große Kapelle, da hat mein Bruder ministriert, dafür gab´s im Monat eine Krone. Die hat er sich gespart. Wie er als Kellner gelernt hat, konnte er sich von dem Geld einen Anzug kaufen.

Ich habe nichts gelernt. Nach der Schule ging ich in eine Spitzenweberei bei Plauen. Ich saß an der Maschine, und wenn ein Fehler war, hab ich ihn ausbessern müssen.

Tanzen gehen konnte man für eine Krone. Wir haben da auch gern etwas Saures gegessen, Kuddelfleck oder sauere Lunge für vier Kreuzer. Beim Tanzen lernte ich meinen Mann kennen, aber nach dem Krieg war ich schon Witfrau. Ich habe in den Jahren fünf Ziehkinder gehabt, das waren vier Enkel und eine Urenkelin.

Bei der Gendarmerie habe ich gekocht. Dort war ein Büro, da haben lauter Tschechen gearbeitet, nur einer war Deutscher.

Kennen Sie Liwanzen? Milch, Mehl, Ei, Salz und ein weinig Hefe. Die haben sie am liebsten gemocht, mit Schwarzbeeren! Aber auch Rindfleisch mit Kren und geriebenen Äpfeln. Kren ist gesund aber man kraint davon. Hochdeutsch ist das Meerrettich.

Gewaschen für die Herrschaften habe ich auch. Buckelkörb voll Wäsch! Den ganzen Tag in der Waschküchen: rumpeln, bürsten, Wäsche auflegen, rumpeln und bürsten …

Wie wir auch nach dem Krieg ausgesiedelt worden sind, sind die Tschechen gekommen und haben gesagt: „Bis um zwölf müsst ihr fort!“ Fünfzig Kilo haben wir mitnehmen dürfen. Na, was haben wir mitgenommen: Ein Federbett und ein wenig Zeug und da waren die fünfzig Kilo weg. Dann ist das Auto gekommen und ab ins Lager nach Eger! Zwei oder drei Tage sind wir dort geblieben, weiter ging´s nach Regensburg, von Regensburg nach Neumarkt St. Veit. Hier haben sie gesagt: „Jetzt kommen die deutschen Zigeuner!“ und haben sich versteckt.

Wir sind in eine Kammer gekommen, wo kein Ofen drin war, und als wir endlich einen Ofen bekommen haben, war die Esse so, dass der ganze Rauch zum Fenster reingekommen ist. Wir haben gestunken wie die Zigeuner! Geschlafen haben wir auf einer Pritschen.

Die Leute dort hatten Töpfe mit Löchern, und da haben sie Flicken reingestopft. Der Sohn, der Fritz, hat e` Suppen gegessen, da war ein Lumpen vom Topf drin gewesen. Zum Löten war da nix, die warn streng arm. „Ein Waldkurort ist das“, haben die gesagt – ein Kurort! Was glauben Sie, was wir da mitgemacht haben, mit denen Bauernlackeln! Bös waren die, wenn die bloß das Wort „Flüchtlinge“ gehört haben, und der Pfarrer, der Grieshauer, hat sogar unseren Teppich in die Kirchen ´neigelegt.

Ich habe immer geflickt, gestopft, gestrickt, auch für die Bauern. Was ich zusammengestrickt hab, lauter Pullover, Kinderstrümpfe, Socken und Strumpfhosen! Mindestens zwölf paar Socken habe ich im halben Jahr gestrickt.

Anna Stephan im evangelischen Altenheim, mit ihren Angehörigen und der Heimleiterin, Schwester Petra.

Anna Stephan im evangelischen Altenheim, mit ihren Angehörigen und der Heimleiterin, Schwester Petra.

Ich habe nix wie gearbeitet, und ich möchte heut noch arbeiten. Vor meinem Unfall hab ich hier im Heim noch geholfen und die Handtücher zusammengelegt, aber jetzt kann ich nicht, weil mein Arm noch im Gips ist.

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