Clothilde Rey: „Zwischen Baden-Baden und Gut Klein Mönchhof“

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Clothilde Rey Erft-Niederaussem | *1892

Clothilde Rey
Erft-Niederaussem | *1892

Mein Gedächtnis reicht weit zurück, bis in die Kinderzeit. Wenn auch hier und da mal eine Lücke ist, muss ich doch sagen, dass Gott mich hier gesegnet hat. Die Dankbarkeit kommt jetzt erst. Man hat immer nur so dahingelebt, aber jetzt wird einem alles erst richtig bewusst.
Meinen Glauben habe ich von der Mutter mitbekommen. Vor zwanzig Jahren hatte ich mir eine Bibel gekauft, denn ich wollte endlich das Alte Testament lesen. Aber erst 1998 fand ich Zeit, die Bibel zu lesen. Jetzt ist das Buch durchgelesen und von dem vielen Benutzen schon ganz aus der Fasson.

Clothilde im Jahre 1893.

Clothilde im Jahre 1893.

Ich stamme aus Köln. Meine Kindheit verbrachte ich in „Glanz und Gloria“. Mein Vater war ein kluger und sehr begehrter Mann, den man zu allen Festlichkeiten holte und der überall Reden halten musste. So bin ich viel herumgekommen. Wir verkehrten in Offiziers-kreisen, und ich hatte viele Verehrer dort, weil ich ein gutaussehendes Mädchen war. Sogar der Kronprinz sprach mich mal an, als ich zum Schlittschuhlaufen war. Ach war ich da stolz! Mein Vater war Altphilologe am Gymnasium und im Königlichen Dienst. Meine Eltern konnten früh heiraten, da meine Mutter Waise und sehr vermögend war. Mit dreiundzwanzig war mein Vater schon Doktor. Meine Mutter musste in zehn Jahren elf Umzüge bewältigen, denn wenn ein Professor krank wurde, wurde mein Vater immer ganz plötzlich versetzt. Er bekam aber kein Gehalt, und das sechzehn Jahre lang. Die Umzüge mussten wir selbst bezahlen. Ich hatte noch zwei Brüder. Einer ist im Ersten Weltkrieg in Paris gefallen, der jüngere ist mit zwölf Jahren gestorben. Die erste bezahlte Stellung hatte mein Vater in Werden bei Essen. Danach kamen wir nach Stolberg bei Aachen, Vater wurde dort Direktor.

Clothilde Rey im Jahre 1911.

Clothilde Rey im
Jahre 1911.

Ich ging nach Berlin. Dort hatte ich Klavierunterricht bei dem berühmten Fritz Busch, er war ein junger Musiker und ein fabelhafter Dirigent. Die Stunde kostete 30 Mark, das habe ich von meinem Taschengeld bezahlt, es war damals viel Geld. Fritz Busch meinte, ich habe eine wundervolle Stimme, drei Oktaven, die unbedingt ausgebildet werden müsste. Es gab nur zwei Königliche Musikschulen in Deutschland, in Leipzig und in Berlin. Mein Vater glaubte nicht, dass ich in Berlin angenommen würde. Ich habe es geschafft, und zwar in Gesang. Aufhören musste ich, als der Krieg zu Ende war. Mein Mann hat mir später einen Flügel geschenkt, weil ich sehr gut Klavier spielen konnte. Am liebsten spielte ich Beethoven, Mozart, Schumann, auch Weber und ähnliches. Seit 1980 habe ich ihn aber nicht mehr angerührt. Ich war oft bei einer Tante in Köln. An einem Weihnachtstag war ich dort in der Nähe zu Besuch auf einem Wasserschloss. Als wir beim Kaffee saßen, ging die Tür auf, und die Haushälterin rief aufgeregt: „Herr Hermann, Herr Hermann ist da!“ Es war ja gleich nach dem Ersten Weltkrieg, und da wurden überall noch die jungen Männer zurückerwartet. Es war der Bruder des Hausherrn, der nach vier Jahren zurückkam. Sie waren beide noch Junggesellen. Er herein, und da hat sich das „angeworfen“. Ich bekam danach einen Fuchspelz gesandt und habe mich prompt bei dem Falschen bedankt. Nach dem Fuchs kamen Blumen und immer wieder Blumen. Als mir der Junggeselle einen Heiratsantrag machte, musste ich erst einmal überlegen, denn ich wollte vor vierzig nicht heiraten. Ich hatte ja viele, viele Gelegenheiten. Aber ich war ganz alleine, meine Freundinnen waren alle weg, und viele meiner Freunde waren gefallen. Er war als Landwirt ausgebildet, und seine Mutter besaß etliche Güter. Er wählte den Klein Mönchhof, nicht weit von Köln, weil hier an der Gillbach das beste Land war.

Clothilde Rey vor ihrem Gutshaus.

Clothilde Rey vor ihrem Gutshaus.

Nach der Hochzeit haben wir das Gut erst einmal verpachtet, weil ich in die Schweiz wollte, das war meine Bedingung, bevor ich heiratete. Ich wollte nicht in Deutschland bleiben. Von 1929 an haben wir das Gut dann selbst bewirtschaftet. Wir haben auf dem Hof richtige Pionierarbeit geleistet, weil hier soviel zu bauen und zu tun war. Ich hatte keinerlei Ahnung von der Landwirtschaft, aber so nach und nach kam ich hinein. Einen Kuhstall habe ich eingeführt und mit einer Kuh sogar einen Preis gemacht. Wir hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Bis zum Tode meines Sohnes haben wir das Gut noch geführt. Um 1960 baute man hier das große Braunkohlenkraftwerk auf, dafür habe ich auch ein Stück Land abgegeben. Das Werk hat mich aber nicht gestört. Hier in meinem Wohnzimmer hängt ein Bild, das der Maler Gülden aus Auenheim gemalt hat: Unser Gut Klein Mönchhof und das Kraftwerk. Und heute? Ich kann hier leben. Gelegentlich habe ich Gäste, auch der Ortsvorsteher kommt gern mal vorbei. Früher war ich regelmäßig in der Schweiz, und jetzt fahre ich regelmäßig für einige Zeit nach Baden-Baden. Ich trinke seit vierzig Jahren jeden Tag zum Essen einen Sherry, den hat mir der Arzt verschrieben. Mein Begräbnis habe ich bezahlt, und mein Tod soll erst nach drei Tagen bekanntgemacht werden.

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