Friederike Blum: „Wir wussten alle, was in so einem Lager passiert.“

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Friederike Blum | Kochel am See | *1898

Friederike Blum | Kochel am See | *1898

Ich war in München an der Musikhochschule. Der Lehrer hat uns gefragt, wer in einem Engel-Chor mitsingen möchte, in einer Oper von Richard Wagner. Da wurden ein paar Mädels ausgesucht. Mein späterer Mann hat sofort gesagt: Ja, die will ich haben! Und da hab ich dann auch gesungen. Er hieß Richard de Gorter, das ist ein holländischer Adelsname, aber er hat dann das „de“ abgelegt, weil es nicht mehr richtig zu ihm gepasst hat. Er war Schauspieler und hat auch Musikwissenschaft studiert. Er war mit dreiundzwanzig Jahren schon als Schauspieler in Russland! Öfter hielt er Vorträge und spielte dazu am Flügel, damals, wie so die Richard-Wagner-Zeit war und dann der Richard Strauss. In Frankreich und Italien hat er auch Vorträge gehalten.

Friederike Blum im Jahre 1918

Friederike Blum im Jahre 1918

Wir sind beide in München geboren, er war zwanzig Jahre älter. Mein Mann war damals schon in Berlin als Schauspieler, und ich war noch in München. Früher hat es viele dieser Matinees gegeben, da habe ich sehr viel gesungen, die waren ja meistens in Opernhäusern. Dann kam ich an die Münchner Staatsoper. Wir waren lauter junge Leute und sind ausgesucht worden für kleinere Sachen, für Opernhäuser, die kein eigenes Ensemble hatten. Mit Lortzing-Opern und solchen Sachen sind wir herumgefahren. Anfangs war ich von der Stimme her Soubrette. Sie kennen doch den „Freischütz“? Also, zuerst habe ich das Ännchen gesungen und dann später die Agathe, die jugendlich-dramatische, die mehr aus sich herausgeht. In Berlin habe ich später sehr viel die Micaela in „Carmen“ gesungen.

Hochzeit mit Richard Gorter 1924.

Hochzeit mit Richard Gorter 1924.

1924 haben wir geheiratet. Anfangs waren wir ein paar Jahre in Eisenach. Mein Mann war Theaterdirektor, und unsere beiden Kinder Helmut und Werner wurden dort geboren. Das ging alles ganz gut, bis das Dritte Reich anfing. Da waren wir beide schon in Berlin, Richard war Direktor vom Kleinen Theater am Zoo, und ich sang an der Städtischen Oper. Mein Mann musste am ersten Tag, das war der 30. Januar 33, sofort mit dem Beruf aufhören! Später hab ich dann auch aufhören müssen. Wir hatten eine schöne Wohnung in Berlin, doch eines Tages kamen die Nazis und haben die ganze Wohnung ausgeräumt. Unser großer Flügel und alles, was etwas wert war, wurde mitgenommen. Mein Mann wollte einfach nicht weg, der war ein so guter Deutscher! Und er hat nicht geglaubt, dass das so lange dauert. Er hat immer gesagt: „Ach, in zwei, drei Jahren ist die ganze Geschichte vorbei, und dann spricht überhaupt keiner mehr davon!“ Aber er war einfach so verbunden mit Deutschland, er ist ja als deutsches Kind aufgewachsen und war ja schon als Kind evangelisch getauft.

Wir hatten Beziehungen durch eine Verwandte, die hat immer gesagt: „Gebt doch wenigstens die Kinder weg!“ Die Kinder sind dann in Kochel noch ein paar Jahre in die Schule gegangen, und da ging´s in der Schule schon los. Wenn bloß was gesammelt worden ist, hat´s geheißen: „Na, von dir nehmen wir nix!“ Einmal, als unser Bub in der Bäckerei ein Brot kaufen sollte, kam er ganz erstaunt raus und hat gesagt: „Du, Mutter, die hat gesagt, dir geb i nix!“ Und da haben wir dann so langsam gemerkt, was auf die Kinder zukommt, wenn wir die dalassen.Die Leute in Kochel waren an sich nett zu uns, aber sie hatten natürlich auch Angst, es ging ja alles damals gegen die Juden. Und sie mochten meinen Mann furchtbar gern und haben immer mit ihm gesprochen und gelacht. Die Handwerker durften dann auch nicht mehr in unser Haus.

Wer in unser Haus reinging, musste ja seinen Beruf riskieren. Und genauso mit Kindern. Wenn zu uns Kinder rein wären und hätten im Garten gespielt, wären die Eltern auch bestraft worden. Wir waren dann aber doch noch so fix und haben die Kinder durch die Quäker weggebracht, mit der Miss Livingston nach England. Trotz allen Schmerzes waren wir glücklich, weil wir wussten: Jetzt bleiben sie doch zusammen! Das war schon viel wert in dieser Situation. Wir mussten die ganzen Jahre kein Schulgeld bezahlen, nur die Ausstattung. Ich hab Angst gehabt, wie sie damals weg sind. Aber Gott sei Dank sind sie beide das geblieben, was sie waren. Wir haben jeden Monat einen Zettel bekommen mit fünfundzwanzig Worten. Das hatten die Nazis erlaubt. Es waren vorgedruckte Zettel, auf denen standen Fragen und Antworten, und die durften wir jeden Monat schicken. Drei Monate kam mal nichts, und wir haben schon Angst gehabt. Aber dann kamen sie wieder.

Friederike und Richard Gorter.

Friederike und Richard Gorter.

Mein Mann musste im Krieg in München arbeiten, das war schwere Arbeit, aber er hat es doch soweit geschafft. Die Frauen von Juden mussten auch arbeiten, zur Strafe, dass sie einen jüdischen Mann geheiratet haben. Die Juden mussten getrennt von den Ariern arbeiten. Ich habe Glück gehabt, ich kam in ein Büro, wo herüben in einem größeren Raum lauter Juden arbeiteten. Das war aber ein Einzelfall. Einmal hab ich nur in diesen Raum reingeschaut, wo mein Mann gearbeitet hat, und wollte ihm bloß zuflüstern, dass ich heimgeh. Das hat jemand gesehen, und da bin ich sofort zur Rede gestellt worden: Ich darf die Tür nicht aufmachen! In München durften wir nur noch in einem Zimmer wohnen, in der Schwanthaler Straße, aber nicht lang, dann musste mein Mann in so ein Judenobdachlosenheim. Da hab ich ihn überhaupt nicht gesehen, das war ja schon wie ein Lager. Ich habe Büroarbeiten machen müssen, die Lohnbuchhaltung usw. Die haben Kriegslieferungen gemacht. Weil die Leute so anständig waren, bin ich bis zum Ende des Krieges dort geblieben.

Das hat er mir schon immer gesagt, auch vorher, ganz offen: Weißt du, solang ich immer wieder heimkann, so lang mache ich alles mit. Aber wenn es mal heißt: In ein Lager! Dann mach ich Schluss! Und ich hab darüber sogar mit unserem evangelischen Pfarrer gesprochen und der hat auch gesagt: „Also, ich muss Ihnen sagen, wenn das auf mich zugekommen wäre, ich hätte es auch getan.“ Wir wussten alle, was in so einem Lager passiert! Wir haben nachher Bilder gesehen von Dachau, da waren auch Verwandte von meinem Mann. Die sind einfach erschlagen worden, in einen Graben geworfen und Kalk drübergeschüttet … Und da hab ich auch gesagt: Ja, das würde ich auch tun! Das würde ich dir nie zumuten, dass du dich da einfach umbringen lässt! Wir haben ausgemacht: Wenn er eine Einweisung in ein Lager bekommt, dass er es dann tut. Das hat er auch getan, in Kochel, an einer bestimmten Stelle am See hat er sich erschossen. Das war im Januar dreiundvierzig.

Zum Glück waren wir noch so gescheit und haben das Häusl auf meinen Namen überschreiben lassen. Als wir nach München zum Arbeiten mussten, haben wir den jungen evangelischen Pfarrer, der gerade gekommen war, in das Haus geholt. Dreiundvierzig stand ich plötzlich allein da. Der Mann war tot, die Kinder weg, und außer dem Haus und mir war nichts übrig. Das Haus war runtergewirtschaftet, aber mein Geld hatten die Nazis gesperrt, gleich in den ersten Tagen. Da ist einfach ausgerechnet worden: Soviel brauchen Sie für den Haushalt und die Krankenversicherung … Die Schwester meines Mannes war Krankenschwester, und die konnten sie gut gebrauchen im KZ, weil dort furchtbar viel Menschen krank geworden sind. Meine Schwägerin war sehr tapfer und auch sehr zäh, die hat sehr viel durchgehalten. Aber selbst die Menschen, die von den Nazis gebraucht wurden, mussten armselig leben, sie hatten ihren Rucksack als Kopfkissen. Mit dem letzten Transport kam sie nach München zurück. Sie hat sehr gute Freunde gehabt, und bei denen ist sie dann wieder aufgepäppelt worden, wie man so sagt. Sie hat sich auch erholt, aber sie war halt doch entheimatet, ihre Wohnung in Schwabing unten war auch weg. Ich hab immer Fotos aufgehoben, auch von Rollen, die mein Mann gespielt hat, und alle in Couverts getan. Und die waren in München im Haus bei meinen Eltern. Da hat natürlich keiner dran gedacht! Dadurch sind die gerettet worden, als sie uns alles genommen haben. Ich hab sie den Kindern gegeben, damit sie eine Erinnerung haben.

Nach dem Krieg konnten meine beiden Jungen zum ersten Mal wieder zu mir. Da war der ältere, der Helmut, beim Militär, und der Werner war auf so einer Zensurstelle. Ich hab gesagt: Na, und bleibt ihr jetzt da? Da haben sie beide übereinstimmend gesagt: Nein! Wir bleiben in England, wir haben gute Freunde und sind da zur Schule gegangen, die waren sehr gut zu uns. Da haben wir ihnen auch weiter nicht widersprochen, da war meine Schwester dabei. Helmut hat dann dort studiert, und Werner wurde Fototechniker. Werner ist später nach Amerika ausgewandert. Bei der Firma Polaroid hat er gearbeitet und diese technischen Handbücher herausgegeben. Ich habe bei dem evangelischen Pfarrer in Kochel den Haushalt geführt und seine beiden Kinder mit großgezogen. Da war ich ganz gern. Das waren sehr nette junge Menschen, die haben mich ein bissl aufgemöbelt. Später habe ich wieder in einem Büro gearbeitet, bis ich noch einmal geheiratet habe.

Eines Tages habe ich den Herrn Blum kennengelernt, der war auch in der Musik beschäftigt. Er war Konzertmeister im Symphonieorchester beim Bayerischen Rundfunk. Und dann hat er immer gesagt: „Warum heiraten wir denn nicht?“ Wir haben in Nymphenburg gewohnt, und das ging ganz gut. Mit ihm war ich doppelt so lange verheiratet wie mit meinem ersten Mann. Aber er war sehr viel krank. Er hatte ganz schwer Zucker und hatte vier Herzinfarkte, beim vierten ist er dann gestorben. Ich hab ihn immer zu Haus gehabt, nur die letzten zwei Tage war er im Krankenhaus.Über meine Jugend mag ich nicht viel sagen. Da müsste ich meine Eltern schlechtmachen, und das tue ich nicht gern. Damals habe ich mir immer geschworen: Wenn ich mal heirate, will ich eine gute Ehe führen. Ich wollte eigentlich Diakonissin werden, aber jeder hat gesagt: „Was, Diakonissin? Mit der Stimme wird man doch Sängerin!“

Friederike Blum im Park des Altenheimes.

Friederike Blum im Park des Altenheimes.

Da habe ich mich leider umstimmen lassen. Ich glaube, ich hätte besser getan, Diakonissin zu werden. Ich wollte immer helfen und helfen! Im vorigen Jahr bin ich aus meiner schönen Wohnung in Heilbrunn hierher in das Heim gekommen, ich wurde schon ein bissl wackelig. Das gute Kochel hat mich wieder gelockt, da hab ich angefangen, und da höre ich jetzt wieder auf! Meine zwei Männer warten schon auf mich, die sind beide hier beerdigt. Es ist mir schon ein paarmal angedroht worden: Sie werden noch ein paar Jahre leben! Mir geht´s ja auch im Grunde ganz gut. Nach meinem 100. Geburtstag ging das eigentlich erst so langsam los. Aber jetzt würde ich sagen, ich fange richtig an, alt zu werden. Manchmal fühlt man sich wirklich jung, aber dann kommen wieder Tage und Zeiten, da hat man das Gefühl, man baut richtig ab. Der Vormittag vergeht meistens mit so bissl Hausarbeit. Ich leg mich unter Tags nie hin. Dann setze ich mich in den Stuhl, schaue Fernsehen an oder lese ein wenig. Je nach Wetter gehe ich mal an die Luft. Ohne Bücher kann ich nicht leben. Der Hausmeister hat mir hier das schöne Büchergestell gemacht. Die anderen Bücher musste Helmut mitnehmen, Goethe und Schiller usw. Helmut kommt öfter, England ist ja nicht ganz so weit weg. Mit Werner telefoniere ich. Besonders wenn der Helmut kam, hab ich immer gesagt: Den ersten Tag ist er ein richtiger stocksteifer Engländer, aber am zweiten Tag fängt er schon an, ein Bayer zu werden!