Kurt Ost: „Mit hundert war ich noch jung“

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Kurt Ost | Saalfeld | *1897

Kurt Ost | Saalfeld | *1897

Nach der heißen Dusche geht´s dann unter die kalte. Haferflocken, Traubenzucker und heiße Milch darüber, zwei Zwieback mit Butter, zwei Löffel Honig und eine Tasse Kakaomilch. Dann gehe ich in die Druckerei zu Fuß, das sind achthundert Meter. Man muss doch in Bewegung bleiben! In der Druckerei lese ich vormittags noch die Korrekturen und setze Plakate, wie ich das schon seit fünfzig Jahren gemacht habe. Am Nachmittag bin ich daheim und lese die Zeitung.
Ich bin Ur-Saalfelder. Ich hatte zwei Brüder. Mein Vater war Schlosser in einer Nähmaschinenfabrik, und weil meine Mutter Schneidern gelernt hat, waren wir nicht die Ärmsten. Als Schuljunge habe ich Zeitungen ausgetragen. Als ich dann 1911 aus der Schule gekommen bin, lernte ich Buchdrucker. Kaum war ich Geselle, musste ich in den Krieg. Das war die schlimmste Zeit.

In Flandern lagen wir wegen des Grundwassers auf dem flachen Land, im Schlamm. Aber ich hatte immer einen Schutzengel.
In den zwanziger Jahren habe ich auch in Rumänien als Buchdrucker gearbeitet. Ich bin durch die Karpaten gewandert, das hat mir viel gegeben. Meine Freundin kam dann aus Saalfeld nach, und wir haben in Bukarest geheiratet.
Als wir 1925 wieder nach Saalfeld kamen, habe ich mich selbständig gemacht mit einem bisschen alten Maschinenkram.1926 wurde unser Junge geboren, er ist später aus dem Krieg nicht mehr zurückgekommen. Wir haben dann ein Kind angenommen und großgezogen.

Kurt Ost in seiner Druckerei bei der täglichen Arbeit.

Kurt Ost in seiner Druckerei bei der täglichen Arbeit.

Ich musste bei den Nazis auch wieder in den Krieg. Weil ich Soldat war, haben sie mir aber wenigstens die Druckerei nicht ausgeräumt. Damals wurden überall die Motoren rausgeholt, und das Blei wurde für die Granaten gebraucht.

Nach dem Krieg hat man uns das Druckereigebäude weggenommen, wir waren nur noch die Mieter. Aber wir haben durchgehalten! Ich habe mein Leben lang nur anständige Sachen gedruckt. In den 50er Jahren konnte ich mir sogar ein Auto kaufen, einen EMW aus Eisenach, den ersten mit Vollsichtscheibe.

Seit 1961 ist die Druckerei wieder ein Familienbetrieb, mein Schwiegersohn und meine zwei Enkel arbeiten mit. Wir verstehen uns sehr gut, und das macht mich glücklich. Im Jahre 1997 haben wir das Druckereigebäude wieder zurückkaufen können.
Der Rennsteig hat es mir angetan. Ich liebe die herrlichen Fernsichten, die botanische Vielfalt und die geschichtlichen Überlieferungen. Mein Vater stammt aus einer Schäferfamilie, da liegt das Wandern im Blut. Mit meiner Schulklasse kam ich 1910 das erste mal auf den Rennsteig. Schon als Lehrling bin ich sonntags mit den Kameraden gewandert, das ging nur Stück für Stück, denn Urlaub gab es in den vier Jahren Lehrzeit nicht ­einen Tag. Wenn ein Feiertag dazu kam, haben wir mit einer Decke im Wald übernachtet. Früh, wenn die Hähne krähten, ging´s dann gleich weiter, um noch etwas zu schaffen.

Kurt Ost 1915 und 1999

Kurt Ost 1915 und 1999

Als dann nach der Wende die Grenze wegkam, bin ich mit fünfundneunzig Jahren endlich die ganzen 168 km gelaufen, in neun Tagen. Zum hundertsten Geburtstag haben sie mir die Rennsteig-Medaille in Gold gegeben. Im selben Jahr bin ich beim Rennsteig-Lauf die 15 km gewandert.
Mit einundneunzig Jahren bin ich noch im Hohenwarte-Stausee die Seemeile mitgeschwommen und habe gewonnen, der Nächstälteste in meiner Altersklasse war fünfunddreißig Jahre jünger als ich.
Vor ein paar Jahren bin ich nach Griechenland gereist. In meiner Jugend habe ich viel über die alten Griechen, die Römer und Phönizier gelesen, und es war mein Jugendtraum, das alles einmal zu sehen. Da bin ich in ein Reisebüro und habe einfach gebucht. Der Blumenstrauß am Flughafen war eine Überraschung, sie hatten wohl gemerkt, dass ich hundert war. Letztes Jahr reiste ich mit älteren Leuten nach Sizilien. Am Etna sind wir bis an die Schneegrenze, das war ein Erlebnis!

Mit hundert war ich noch jung, aber jetzt machen die Knochen nicht mehr so richtig mit, und die Luft fehlt. Ich werde langsam alt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.