Meta Berndt: “Ich vermisse das Landleben sehr.”

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Meta Berndt  Düsseldorf | *1889

Meta Berndt
Düsseldorf | *1889

Meta Berndt in den zwanziger Jahren.

Meta Berndt in den
zwanziger Jahren.

Es war im Januar 1990, im Herbst wurde ich hundert, da sagte der Augenarzt, ich hätte den grauen Star und solle mich operieren lassen. Da habe ich mir gedacht: Das lohnt sich doch nicht mehr! Hab ich denn gewusst, dass ich so alt werde?

Ich hatte noch zwei Schwestern, eine lebte noch bis voriges Jahr, die andere wohnt in Hannover, und wird nächstes Jahr hundert. Wie es kommt, daß ich so alt geworden bin, weiß ich nicht. Ich habe mein ganzes Leben nur gearbeitet.

Ich bin sehr religiös. Unser Vater hat früher immer mit uns gebetet, auch Tischgebete. Er hat uns Kindern beigebracht, daß wir danken müssen. Ich kenne auch heute noch alle Lieder auswendig. Wenn ich einmal sterbe, wünsche ich mir das Lied: „Christi Blut Gerechtigkeit“, das habe ich mit meinem Großneffen schon ausgemacht.

Meta Berndt im weißen Kleid mit ihrer Mutter, Schwester Luise und Nichte Edelgard. Kaffzieg 1935.

Meta Berndt im weißen Kleid mit ihrer Mutter, Schwester Luise und Nichte Edelgard. Kaffzieg 1935.

Wir waren zwölf Geschwister, und lebten auf einem großen Bauernhof in Hinterpommern: Kaffzig, Kreis Rummelsburg. Ich liebe den Bauernhof, aber einen eigenen möchte ich nicht haben.

Mein Vater starb 1906 an einer Magenkrankheit, heute nennt man das wohl Krebs, aber ob das nun Krebs war? Mutter hat es ohne Vater geschafft, weil wir Leute hatten, die wenig Miete zahlten und dafür in der Erntezeit für uns arbeiteten: Zehn Männertage und zehn Frauentage, und wenn wir sie länger brauchten, wurde das extra bezahlt.

In unserer Nähe hatte auch die kaiserliche Familie ihre Domänen. Ich mochte die Familie sehr.

Zwei meiner Brüder waren richtige Bauern. Die Mutter hatte dem ältesten den Hof schon überschrieben, aber als er im Urlaub war, hat sie den Hof rückübertragen lassen, weil es ihr der Bürgermeister so geraten hatte. Er meinte, wenn der Sohn fallen sollte, würde der Hof aufgestückelt an die vielen Geschwister, aber so gehöre der Hof wieder ihr, und sie könne damit machen, was sie wolle. Und so kam es leider auch. Mein ältester Bruder ist 1916 in Tunis gefallen. Mutter gab den Hof an zwei Kinder ab und ging aufs Altenteil. Da wurde sie versorgt, sie hatte eine Wohnung, einen großen Garten und hat sich noch eine Ziege gehalten.

Ich lebte in der Stadt, da war meine Schwester in einer Konditorei als Verkäuferin. Zu der Zeit wurde man nur angelernt, und das reichte aus. Dort bin ich mehrere Jahre gewesen. Ich habe immer aufgepasst, wie alles gemacht wird, sämtliche Rezepte habe ich mir gemerkt, oder wie Torten garniert werden. Das habe ich später anwenden können.

Später war ich bei einer Cousine, sie besaßen ein Gut in der Nähe von Zoppot. Da bin ich auch mehrere Jahre gewesen, aber es wurde so unruhig. Wir waren dort vor dem letzten Krieg noch die einzigen Deutschen. Meine Cousine hat das Gut verkauft und ein anderes bei uns in Pommern genommen.

Ich war immer eine Weile weg von zu Hause, aber schließlich kam ich wieder zurück.

Ich habe gekocht und gebacken, habe aber auch Landwirtschaft gerne gemacht. Wir hatten zwei große Gärten mit Blumen und Gemüse, hatten Katzen, einen Schäferhund und einen Dackel. Die Hunde kamen nicht in die Wohnung, die hatten ihre Hütten draußen. Geritten bin ich nicht, da hatte ich zu große Angst. Es reichte, wenn ich bei der Ernte auf den Wagen steigen mußte, aber was wollte ich machen, wir hatten keine Leute.

Ich hab gern ein richtiges Pommerngericht gekocht, das heißt „überguß“. Kartoffeln werden geschält und kleingeschnitten, Pökelfleisch wird mit wenig Brühe gekocht, und es werden geschmorte Zwiebeln hineingetan, in der Brühe werden die Kartoffeln gekocht, und die Zwiebeln drübergeschüttet und zuletzt das Fleisch dazugegeben.

Im Zweiten Weltkrieg, als die Männer eingezogen waren, kamen Mädchen aus dem Rheinland, sie mußten beim Bauern arbeiten. Nach dem Krieg die zweieinhalb Jahre unter den Polen und den Russen, das war ein Leidensweg.

1947 mußten alle Deutschen raus. Es ist nicht leicht, wenn man alles im Stich lassen muß, und ohne Ziel und ohne Andenken an die Familie vertrieben wird. Wir waren drei Wochen unterwegs, meine achtzigjährige Mutter, meine Schwester und ich. Ich bin oft in Todesgefahr gekommen. Wir wussten gar nicht, wo wir hinsollten, das ganze Dorf wurde geräumt, und die dablieben, die alten Leute, die haben sie totgeschossen. Im Treck ging es los, mit unserem Pferdewagen.

Ich habe den Wagen einmal in ein Loch gelenkt, und gleich ist die Deichsel gebrochen. Die anderen haben uns geholfen, sie zu reparieren, und weil wir keine Ahnung vom Wagenlenken hatten, hat uns unser Gutsbesitzer einen von seinen Leuten gegeben.

Zuerst kamen wir nach Thüringen, und dann nach Ilfeld. Eine Schwester hat uns bald darauf nach Hannover in ein Lager geholt. Meine Nichte, die in Mettmann lebte, nahm uns dann auf. 1960 starb meine Mutter mit 95 Jahren, und meine Schwester starb fünf Jahre danach.

1966 hat mir meine Nichte angeboten, bei ihr in Düsseldorf zu wohnen. Am 26. Juni zog ich in mein Zimmer über ihrer Wohnung. Heute gehe ich immer noch jeden Tag ein paar Mal die vierzig Stufen. Bei meiner Nichte habe ich die Wirtschaft geführt. Als das Kind geboren wurde, gab es Arbeit genug.

Meta Berndt bei der Arbeit im pommerschen Kaffzieg.

Meta Berndt bei der Arbeit im pommerschen Kaffzieg.

Ich habe es gut, aber ich vermisse das Landleben sehr. Hier haben wir keinen Garten. Dafür bin ich jedes Jahr vierzehn Tage bei der ältesten von meiner Nichte, in Urlaub sozusagen. Sie holen einen Rollstuhl und fahren mich aus. Das ist richtig schön für mich.

Am liebsten sitze ich im Schaukelstuhl, und wenn ich allein bin, singe ich all die schönen Lieder für mich. Wenn ich mal nicht schlafen kann, mache ich mir gute Gedanken. Mir fallen dann die ganzen schönen Dinge ein und all die schönen Lieder, und dann wird mir nicht langweilig.

Ich habe nie schlechte Gedanken. Ich bin so freudig in mir und denke nur gut. Mein Lieblingsspruch ist: „Weise mir, Herr, Deinen Weg, daß ich wandle in Deiner Wahrheit, erhalte mein Herz bei dem Einen, daß ich Deinen Namen fürchte.“ Danach habe ich mich auch immer gerichtet, wenn es auch noch so schwer war.

Tränen habe ich in meinem Leben schon so viel vergossen, daß ich gar nicht mehr weinen kann. Die Heimat verlassen zu müssen, das war das Schlimmste für mich. Es gibt ein Lied darüber, das ich einfach ein bißchen umgedichtet habe, so etwas kann man doch?

Ich war einmal in Pommern. Es ist alles anders, aber was soll´s? Böse bin ich aber auf keinen, der liebe Gott hat auch vergeben, wie sollte ich da böse sein. Vielleicht habe ich auch mal was Schlechtes gemacht, und ich hoffe, daß man mir auch nicht mehr böse ist. „Liebet euere Feinde, wie euch selber, und tuet Gutes denen, die euch hassen…“

Für Politik interessiere ich mich auch. Ich mag am meisten die CDU, und den Kohl mochte ich auch gern. Nachrichten und Radio höre ich jeden Tag, und wenn mir mal etwas nicht gefällt, dann schalte ich ab. Ich schalte nicht das Radio ab, sondern schalte mich ab und trete in das „weite Feld der Ewigkeit“.

Seit 34 Jahren gehört sie zur Familie: Meta Berndt bei ihrer Nichte Edelgard und deren Mann Willi.

Seit 34 Jahren gehört sie zur Familie: Meta Berndt bei ihrer Nichte Edelgard und deren Mann Willi.

Ich hatte mal zu hohen Blutdruck und sollte jeden zweiten Tag eine Tablette nehmen, aber jetzt sind meine Werte schon lange gut. Ich nehme jeden Morgen zwei Teelöffel voll Klosterfrau Melissengeist in den Caro-Kaffee, und das schon seit dreißig Jahren. Ich heile alles mit Klosterfrau Melissengeist. Unser Hausarzt meinte zu mir: „Ich glaube, Sie mögen mich nicht.“ Ich antwortete: „Doch, ich mag Sie gerne, aber nicht an mir!“ Er hat mir zum Geburtstag Blumen geschickt, und geschrieben, daß es so bleiben möge, daß ich keinen Arzt brauche.

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