Paul Merkel: „Ich habe meinen Wald zu Hause.“

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Paul Merkel | Jena | *1900

Paul Merkel | Jena | *1900

Ich habe meinen Wald zu Hause. Zwölf Kinder hatten meine Eltern, ich bin der Älteste. Am 1. Januar 1900 bin ich geboren. Mein Leben war von vier Jahren an nur Arbeit.

Der junge Schneidemüller.

Der junge Schneidemüller.

Mit siebzehn habe ich meinen Gesellenbrief bekommen. Von 1914 bis 1982 habe ich im selben Sägewerk in Jena als Schneidemüller gearbeitet. Früh um fünf bin ich aufgestanden und habe die Hühner und Karnickel gefüttert und Feuer gemacht und bin auf Arbeit gegangen. Abends war ich erst nach fünf Uhr wieder zu Hause, musste mich um die Tiere, Feuer, Essen und Garten kümmern, und da hatte ich auch noch das Feld. In das Siedlungshaus hier sind wir 1932 gezogen.

Wegen meiner Arbeit brauchte ich nicht in den Krieg. Am 3. März 1945 waren über vierhundert Mann in Jena angetreten, auch meine ganzen Kollegen. Bei mir sagte der Major: „Sonderverwendung“. Sehen Sie mal, welch große Ehre: Als die Amerikaner kamen, hieß es: Wir brauchen einen Mann, der hier über alles Bescheid weiß. Mich haben sie ausgewählt! Ich kriegte eine weiße Armbinde mit Doppeldruck: Feuerwehr und Polizei. Dann kamen die Russen, und ich hatte das Rote Kreuz drauf. Sieben Jahre habe ich für die Russen Holz geschnitten: Drei Tage für uns und drei für die Russen. Der Offizier ist nur zu mir gegangen, er hat gesagt: Du Spezialist! In der Schneidemühle war ich nach dem Krieg stellvertretender Chef. Wir waren halbstaatlich. Mehr Geld habe ich für meine Arbeit nicht gekriegt, nur ab und zu mal fünfzig Mark.

Am 2. Dezember 1964 ist meine Frau gestorben. Weil der Grabstein vom Friedhof wegsollte, haben sie mir den umsonst gebracht, zum Andenken habe ich ihn jetzt hier: Frieda Merkel. Ewiger Frieden. Ewige Ruh. Sechsunddreißig Jahre lebe ich nun hier alleine. Das Feld habe ich verschenkt, das war zuviel Arbeit. Mit zweiundachtzig ist mir die Arbeit in der Schneidemühle zuviel geworden, und ich bin zu Hause geblieben. Das können Sie doch verstehen?

Das Grundstück ist seine Welt.

Das Grundstück ist seine Welt.

Mein Garten ist 660 qm, und alles ist bezahlt. Hier sind Kartoffeln, Gurken, Bohnen, Tomaten. Ich mache alles alleine: umgraben, hacken, Unkraut jäten – alles. Und das hier ist einmalig! Da haben Sie von allem: Buchsbaum, Blautanne, Silbertanne, Fichte – alles selbst gepflanzt, vor vierzig, fünfzig Jahren. Jetzt, wo ich alt bin, habe ich meinen Wald zu Hause. Und da sind Pflaumen, Äpfel, Birnen und Kirschbäume.

Meine Tochter Hilda ist 69 Jahre, sie war Orthopädieschuhmacherin. Sie kommt immer vorbei und kauft für mich ein. Sie hilft im Haushalt, und wir unterhalten uns ein bisschen. Ich habe noch einen Sohn, Helmut ist Tapezierermeister und jetzt auch in Rente.

 

Schon im Frühjahr sorgt er für seinen Holzvorrat.

Schon im Frühjahr sorgt er für seinen Holzvorrat.

Geraucht habe ich mein ganzes Leben nicht, weil ich doch Vorarbeiter war. Ich kann ja niemandem das Rauchen verbieten, wenn ich selbst rauche. Meine zweiten Zähne habe ich auch noch. Manchmal trinke ich abends ein Bier, aber sonst trinke ich keinen Alkohol. Fenchelsirup und Honig, das ist gesund. Verreist war ich zweimal in meinem Leben, einmal nach Oberhof und einmal `nunterwärts.

Es ist nicht schön so alleine. Wissen Sie, das Essen schmeckt alleine auch nicht richtig, und eigentlich macht alles keinen Spaß alleine … Bis vor 16 Jahren hatte ich noch eine Katze, die hat immer an meinem Kopfende geschlafen. Ein Hund kam nicht in Frage, weil man ja Rücksicht auf die Nachbarn nehmen muss, wegen dem Hundegebell. Die Vögel kommen bis an mein Fenster.