Prof. Dr. Gadamer: “Es gibt Grenzen unserer Macht.”

Prof. Dr. Hans-Georg Gadamer , Heidelberg | *1897

Prof. Dr. Gadamer
Heidelberg | *1897

Es ist für mich ungemein schwierig, nun noch einmal zu einem 100. Geburtstag der Öffentlichkeit gegenüber eine Art Rückblick zu geben. So frage ich mich heute nur, wieweit die letzten fünf Jahre wesentlich neue Gesichtspunkte für meinen Rückblick auf mich selbst beigetragen haben.
Wohl selten ist die abendländische Kultur zu einer solchen globalen Ausdehnung genötigt worden, wie es inzwischen mehr und mehr der Fall ist. Da hat man eine Art Europa gebildet und weiß doch zugleich, dass es um etwas anderes geht, als um solch einen Teil des Ganzen der heutigen Menschheit. Die Erfahrung der letzten fünf Jahre lehrt überdies, wie schwer es ist und bleiben wird, die verschiedenartigen Kulturen und Länder zu einem gemeinsamen Denken zu bewegen.

Der Gymnasiast Hans-Georg Gadamer

Der Gymnasiast Gadamer.

Für eine wirkliche Integration in die Zugehörigkeit zu einem solchen großen politischen Gebilde wie Europa zeigen wir uns in kritischen Augenblicken immer wieder in außerordentlicher Verlegenheit. Das hat sich selbst bei dem Versuch erwiesen, das Auseinanderfallen des früheren Balkan durch Einbeziehung unserer eigenen Kräfte und Interessen zu kontrollieren.

Es hat etwas Beunruhigendes, zu sehen, wie eine Koexistenz von uns verlangt wird und wie wir gleichzeitig eine Ausspielung von Gewalt antreffen. Wer eigene Lebenserfahrungen gemacht hat, wird die Fragwürdigkeit empfinden, wenn ihm allzu große Regelungen unseres Verhaltens zugemutet werden. Es gibt Geheimnisse, die der Macht des Machenkönnens widerstehen. Dazu gehört die Unheimlichkeit des Todes. Kürzlich habe ich schon einmal in einem Aufsatz darauf hingewiesen, ob das berühmte Thema des Wissens um das sichere Datum unseres Todes einem Menschen zugemutet werden kann, ohne seine Lebenskraft zu brechen. Da hat man sich auf amerikanische oder andere Einrichtungen der statistischen Errechnung und Vorausschau der Todesdaten berufen, aber muss man sich nicht fragen, wie das für die Menschen im Ganzen, für ihre Ängste und für ihre Hoffnungen und damit für unsere Lebenskraft wirken würde, wenn es allgemein würde? Es hilft nichts, wenn man da alles einer Regelung unterwirft, in der man sich zu bewegen genötigt sieht. So sind es gerade die Grenzen unserer Macht, an die wir stoßen. Beginnen wir mit der Rolle der Familie und der Schule. Ich war gerade vier Jahre geworden, als meine Mutter starb. Der Tod meiner Mutter war ein jahrelanges Siechtum, das über meinen frühen Kindheitsjahren wie ein Schatten liegt.
1906 begann mein erstes Schuljahr in Breslau, wohin meine Eltern gezogen waren. Der Lehrer war zwar etwas grob und warf einem manchmal die Kreide an den Kopf, wenn man nicht recht aufpasste. Aber das hat nur andere, nicht mich getroffen. Nur, als ich deutsche Grammatik auswendig lernen sollte: ich, meiner, mir, mich usw., das wollte mir gar nicht gelingen. Inzwischen hatte ich meine treffliche Stiefmutter, eine Schulfreundin meiner verstorbenen Mutter, was offenbar auch mit meinem Vater schon vereinbart war. Nach einigen Jahren gab mein Vater die Privatwohnung im Institutsgebäude für Pharmazeutische Chemie auf, weil er die Räume benötigte.

Wir zogen in eine große schlossartige Villa mit einem riesigen Garten, und auch sonst war alles voll von neuen Wundern: Statt Gaslicht gab es elektrisches Licht, die Zimmer wurden mit riesigen Kachelöfen bis an die Decke beheizt, und es gab sogar ein Telefon im Haus. Nummer 7756, die einzige Telefonnummer, die ich nach so vielen Wechseln noch weiß. So siegt die Kindheit jetzt über die reiferen Jahre.
Mit der Schulzeit begann der Abschied vom Spiel, und mit dem Schulwissen meldeten sich die eigenen Interessen, so dass ich Freude am Lernen hatte. Nur was einem Freude macht, wird man im Rückblick als eigene Erfahrungen begrüßen. Da habe ich zu berichten, dass ich sehr früh schon Freude an Dichtung hatte.

Ich war etwas mehr als zwölf Jahre alt, als ich von einem uns Kinder begleitenden Lehrer den Namen Stefan George hörte, der mit gedämpfter Anerkennung genannt wurde. Daraufhin begann ich mir ein bisschen Geld zu sparen, indem ich meinen Schulweg nicht über die Straßenbahn nahm, sondern zu Fuß ging. Von dem so ersparten Geld kaufte ich mir dann ein Reclam-Buch zur modernen Lyrik.
In der ganzen Kriegszeit hatte ich schon durch Theater und Lektüre eine gewaltige Menge gelesen, insbesondere Shakespeare und die Klassiker. Aber auch Dante gehörte dazu.
Ich fand bald Anschluss an Studenten und Studentinnen, die den gleichen Schulweg hatten. Ihnen verdanke ich eine für mich ganz wichtige Lektüre, das kleine Buch von Theodor Lessing mit dem Titel “Europa und Asien”. Da wurde mit kritischer Schärfe das Europa beherrschende Leistungsethos behandelt. Zum ersten Male hörte ich etwas von andersartigen Kulturen in Asien und ohne Leistungsethos. Elternhaus und Schule hatten Leistung als eine Selbstverständlichkeit verlangt. Etwa gleichzeitig las ich von Thomas Mann ”Betrachtung eines Unpolitischen”, die meine politischen Interessen belebte, insbesondere, als dann auch die Studentenschaft politische Vorträge organisiert hatte, in denen einige hervorragende Redner die Parteien der neuen Republik zur Darstellung brachten.

An der Universität besuchte ich vor allem die Vorlesungen zur Germanistik und zur Geschichtswissenschaft.
Aber bald entdeckte ich einen Lehrer der Philosophie. Richard Hönigswald, der ganz ohne Pathos, allein durch seinen Scharfsinn und seine Nähe zu den Sachen selber, mich plötzlich faszinierte. Auf einmal wusste ich: Das will ich können.
Es war zugleich das Ende meiner Breslauer akademischen Erinnerungen, weil mein Elternhaus von Breslau nach Marburg verlegt wurde. Und nun geriet ich in eine ganz philosophische Luft zwischen Kunst und Philosophie.
Das war freilich alles wenig im Sinne meines Vaters. Er erhoffte von mir, ich würde so wie er selber in den Naturwissenschaften etwas für das ganze Wohl der Menschheit Nützliches schaffen. Ich gab mir die allergrößte Mühe, bei meinen Lehrern, Paul Natorp und Nikolai Hartmann, philosophische Forschung zu lernen, und konnte mit 22 Jahren bereits nach gründlicher Lektüre von Plato mit einer Dissertation den Erfolg meiner Studien beweisen.
Gerade in dieser Situation erkrankte ich an Kinderlähmung, die damals in der hessischen Gegend eine wahre Epidemie war. Immerhin, ich habe es überlebt.

Das Ehepaar Gadamer um 1950.

Das Ehepaar Gadamer um 1950.

Als ich in Freiburg meine Studien bei Husserl und Heidegger fortsetzte, war das wie ein neuer Anfang. Ich verdankte der scharfen Kritik Heideggers, dass ich nun zu meinen Plato-Studien und Aristoteles-Studien eine gründliche klassisch-philologische Ausbildung suchte. So kam es, dass ich etwa nach vier Jahren mein Staatsexamen für das höhere Lehramt ablegte und wiederum sehr bald danach mich in Philosophie habilitieren konnte. Ich habe dann meine philosophischen Studien in den kritischen dreißiger Jahren ganz auf die griechische Philosophie konzentriert.
Es würde zu weit führen, wie das aussah und ebenso wie ich schließlich nach Leipzig kam und nach dem Ende des Dritten Reichs nach Frankfurt und dann hier nach Heidelberg.
Als ich den Ruf nach Heidelberg erhielt, war das keine völlige Überraschung. Ich hatte schon seit längerem durch den Umgang mit Heidegger, aber auch durch die Arbeiten von Jaspers meine eigenen Forschungsideen entwickeln gelernt. Freilich musste man auch jetzt vieles nachholen, was in normalen Zeiten selbstverständlich gewesen wäre. Die Generation, der ich angehörte, war ja noch nie wirklich über die Grenzen Deutschlands hinausgekommen. Es gelang mir, die schweren Folgen der zwei Weltkriege langsam auszugleichen.

Der Kontakt mit den Studenten fiel mir nicht schwer, wenn ich auch so anders war als mein Vorgänger. So sagten sie damals, Jaspers habe zu allem eine Antwort gegeben. Ich hätte zu jeder Frage am Ende immer “das weiß ich nicht” gesagt. Aber solches Denken über offene Fragen war auf die Dauer der richtige Weg zur Philosophie. Die Studenten übten geradezu einen Druck auf mich aus, der wohl auch von anderer Seite kam, dass ich auch einmal ein größeres Buch vorlegen müsste. So begann ich die nächsten zehn Jahre mit der Vorbereitung auf ein solches Buch. Als meine lang vorbereitete Arbeit 1959 vollendet war, entschieden wir uns schließlich für den Titel “Wahrheit und Methode”, weil der Begriff der “Hermeneutik” meinem Verleger noch zu unbekannt schien. Die Reaktionen auf das Erscheinen meines Buches lehrten dann aber bald, dass der Begriff der Hermeneutik bekannt werden würde. Damals dachte ich mir noch, dass es überhaupt keine zweite Auflage geben würde, zumal es immerhin 5000 Exemplare waren. 1964 wurde dann eine zweite Auflage fällig, usw.
Da Philosophie ja kein Schulfach ist, gingen manche Unruhen an uns Philosophen vorbei, die durch die sogenannten Achtundsechziger anderswo Schwierigkeiten bereiteten. Leider wurde ein solcher Fall auch in unserem Fach fühlbar und endete mit dem Selbstmord des angegriffenen Dr. van der Meulen. Ich selber wurde nach meiner Emeritierung zunächst durch die Präsidentschaft der Akademie festgehalten, aber ich wagte doch bald eine erste Reise nach Übersee.

Bei allem Reichtum an Erfahrungen und Anregungen, die ich in meiner Stellung in Heidelberg fand, fehlte eben doch das, was spätere Generationen schon in jüngeren Jahren kennen lernten, nämlich die Philosophie der anderen Länder und anderen Sprachen. So holte ich das Versäumte nach, indem ich bis in die achtziger Jahre regelmäßig je ein Herbstsemester in den Vereinigten Staaten und vier Jahre in Kanada (in McMaster und Toronto) verbrachte. Zum Glück konnte ich gut Französisch. Aber ich hatte erst einmal mein Englisch zu verbessern, das unter diesen Umständen etwas amerikanisch klang. Aber es öffnete sich damit im Laufe der Jahre, in denen ich nicht mehr durch Vorlesungspflichten in Heidelberg festgehalten war, ein weiter Horizont, und ich begann meine Reisen in Europa, insbesondere mit der französischen Sprache.
Mit den nahenden 90er Jahren war ich aber gleichzeitig mit dem Aufbau der schließlich auf 10 Bände angewachsenen Ausgabe meiner Gesammelten Schriften beschäftigt. Auch diese Publikation brauchte ihre zehn Jahre.
So fand sich in der Tat eine treue Schülerschaft, die nicht zuletzt von jüngeren Kollegen gebildet war, die ehedem meine Studenten gewesen waren.

Das Ehepaar Gadamer im Arbeitszimmer.

Das Ehepaar Gadamer im Arbeitszimmer.

Meine Begegnung mit ihnen enthält immer wieder neue Anstöße für die eigene Arbeit. Das gilt auch noch für die in Amerika gewonnenen Schüler.

Im Jahre 1995 ist der letzte Band der Ausgabe erschienen, der zugleich einen Rückblick auf das Ganze erleichterte.

Seitdem habe ich mich etwas mehr der schwierigen Aufgabe gewidmet, die ich selber aus meinen Erfahrungen als besonders dringlich empfand. Es ging und geht ja darum, in den sogenannten höheren Schulen eine Allgemeinbildung zu vermitteln und den Übergang zu den Hochschulen zur gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung vorzubereiten. Damit war zugleich für die heranwachsende Jugend eine gewisse Erweckung von Interessen verbunden. Im Grunde kommt es dabei nicht so sehr auf das schon früher in der Schulzeit erworbene Wissen an, sondern auf die Freude am Lernen, die man für die Studienfächer an der Universität mitbringen muss. Die eigentliche Aufgabe der höheren Schule ist nicht primär die wissenschaftliche Ausbildung, sondern die Weckung der Lust zum Lernen. Freilich ist die Philosophie nicht mit anderen Berufen zu vergleichen. Wer weiß schon, was unter dem Titel Philosophie auf ihn wartet und was er an wissenschaftlicher Forschung dafür treiben muss.
Es ist nicht ganz leicht, den Übergang von der Schulzeit zu der Spezialisierung der akademischen Jahre zu finden, ohne enttäuscht zu sein. Man missversteht die Philosophie, wenn man darin ein Fach wie jedes andere zu sehen meint. Sie kann nicht irgendeine andere Wissenschaft ersetzen. Diesen Rat muss ich jedem Anfänger geben.

(Prof. Dr. Gadamer schrieb anlässlich seines 100.Geburtstages einen Aufsatz, der hier mit freundlicher Erlaubnis des Autors in Auszügen wiedergegeben wird.)

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