Rosalia Hasenkampf: Der Hunger ist ein böses reißendes Tier

Textauszug aus dem Buch: „Mit hundert war ich noch jung„.

Rosalia Hasenkampf  Senden bei Münster | *1889

Rosalia Hasenkampf Senden bei Münster | *1889

„Viktor, nun, fahren wir!“ hab ich zu meinem Sohn gesagt, der jetzt in Russland gestorben ist. Er sagt: „Mama, wir sind hier übrig, wir sind nicht zu Haus. Kommen wir nach Deutschland – sind wir auch nicht zu Haus. Alle werden uns dort heißen: die Russenschweine!“

Ich bin jetzt schon hier von fünfundneunzig, vom 3. April; mir hat kein Mensch noch kein böses Wort gesagt! Noch nicht ein böses Wort!
Meine Mutter sagt: „Ich bin für mein Leben müd. Schlag mich tot! Bring mich hin, wo dass mich die Vögel fressen!“ Ich sag: „Nein, das kann nur einer, und der ist da oben. Ich will Euch zeigen, dass ich Euch pflege bis in den Tod!“

Sie schläft den ganzen Tag. Krank ist sie nicht. Wenn ein Enkel kommt, sagt sie: „Wer bist denn du, dich hab ich doch schon gesehn?“ Meine Mutter spricht mit uns, aber ihre Geschichte kann sie nicht mehr selbst erzählen. Ich will für meine Mutter sprechen, wie unser Leben in Russland war:
Bei meiner Mama waren sie zwölf Kinder. Von zwölf Jahren an musste sie arbeiten bei fremden Menschen. Mit achtzehn Jahren ist sie in die Stadt gefahren und hat gearbeitet. Und dann hat sie geheiratet, zurück auf´s Dorf, wo sie geboren ist. Von unserem Dorf bis zur Wolga waren es vier Kilometer. Unsere Seite war flach, wir hatten Sümpfe und wenig Wald, auf der anderen Seite von der Wolga waren Berge und Taiga. Das Dorf hatte immer vier Häuser im Quartal, dann kam ein Weg. Das ist von Ewigkeit so. Neben dem Haus war der Garten, ein drittel Hektar groß. Da hatten sie Kartoffeln, Mais und Gemüse. Wir wussten nichts von der Welt draußen. Jeder sagte etwas anderes, wo wir herstammen.

Rosalia Hasenkampf 1932 in ihrem Dorf an der Wolga

Rosalia Hasenkampf 1932
in ihrem Dorf an der Wolga

Meine Mutter hatte sieben Kinder, aber großgeworden sind nur zwei, mein Bruder und ich. Mein Vater ist in achtundzwanzig an einer Blutvergiftung gestorben. Meine Kindheit war sehr schwer. Kein Mitleid hat meine Mutter gehabt, die hat uns getrieben Tag und Nacht! Mit dem Knüppel hat sie uns geschlagen! Ich hatte schon drei Kinder, da hat sie mir das Gesicht so geschlagen, ich hab mich geschämt, auf die Straße zu gehen! Unser Häuschen hatte nur ein kleines Zimmer und ­einen Vorbau. Wir hatten ein Bett, einen Tisch, drei Hocker, eine Bank und eine Kiste für die Kleider, wie sie jeder zur Hochzeit bekommen hat. Das war alles aus Brettern zusammengenagelt. Mein Bruder musste bei der Mutter am Fußende liegen, und ich hab auf der Kiste geschlafen.

In den Sümpfen mussten wir die Weiden holen und die Wurzeln ausgraben. Stroh, Schilf und Rohr haben wir gesammelt. Was die Kuh nicht gefressen hat, mussten wir pressen. Wenn das geschwitzt hat, stieg Dampf auf, und dann haben wir es getreten, bis alles ganz fest war. Die Männer haben das mit dem Beil in Würfel gehackt, und dann haben wir es getrocknet. Das war unsere Heizung im Winter. Die Kälte war im Winter bis 45 Grad, die Hitze im Sommer gradso. Der Schneesturm hat alles zugejagt, dass man morgens nicht rauskonnte. Nachbarn haben uns ausgegraben, sonst wären wir drin erstickt.
Es gab immer wieder Missernten. In einundzwanzig, hat meine Mutter gesagt, sind viele verhungert. Dann kam die Kollektivarbeit. Man konnte etwas besser leben, aber wir sind immer arm geblieben. In dreiunddreißig ist wieder der Hunger ausgebrochen. Das halbe Dorf ist ausgestorben. Wir haben es grad durchgeschafft. Wenn die Kuh nicht wäre gewesen, wären wir alle zugrunde gegangen!
In die Schule kam ich in einunddreißig. Da war noch alles in Deutsch. Eine Lehrerin war sehr böse zu mir, weil ich arm war und nur Lumpen anhatte. Wegen ihr bin ich aus der Schule fort, mit vierzehn hab ich als Melkerin angefangen. Meine Mutter hat auf der Regierungsplantage gearbeitet. Gurken, Tomaten, Kraut und Melonen haben sie angebaut. Mein Mann hat Futter gefahren. Im vierzigsten Jahr haben wir geheiratet.

In einundvierzig, wie der Krieg ausbrach, wollten sie uns alle ins Meer versenken oder erschießen. Die anderen Oberen, die bei Stalin waren, haben gesagt: „Was sollen andere Länder sagen!“ Da hat er uns alle ausgesiedelt. Viele Menschen sind umgekommen. Mein Mann musste nicht in der Trud-Armee arbeiten, weil er kurzsichtig war, und ich bekam ein Kind. Mutter war schon zu alt. In der Trud-Armee sind viele zugrunde gegangen.

Nach einem harten Leben ist Rosalia Hasenkampf  müde geworden

Nach einem harten Leben ist Rosalia Hasenkampf
müde geworden

Die Wolgadeutsche Republik ist sehr groß, dort sind viele Dörfer. Sie haben angefangen am Kaspischen Meer, sie haben den Leuten immer nur gegeben fünf, sechs Stunden zum Zusammenräumen. Und wir waren ganz oben, das zweite Dorf vom Ende. Die Soldaten kamen, und auf den Lastwagen durftest du nur mitnehmen, was du tragen kannst. An der Wolga haben wir gelegen vier Tage. Dann haben sie uns auf einen Lastkahn getrieben wie das Vieh. In Saratow haben sie uns die Nacht über die Wolgabrücke gebracht, und um vier Uhr morgens kamen die deutschen Flugzeuge und haben die Brücke zerschlagen. Ich hab gesagt: „Konnt´ ihr nicht etwas eher kommen, dass wir nicht über die Brücke können!“ Dann haben sie uns gefahren einen ganzen Monat, bis nach Usbekistan. Achtzig Menschen in einen Waggon haben sie getrieben! Weiter ging´s nach Kasachstan, dann haben sie uns nach Krasnojarsk gebracht. Mit dem Schleppkahn sind wir weitergefahren, bei einem kleinen Dorf in Sibirien haben sie uns alle rausgetrieben. Ein alter Mann hat uns genommen in sein Dorf. Wir haben in einem Holzhäuschen mit einem Zimmer gewohnt.
Die Russen haben gesagt: Warum hat Katharina euch hergebracht! Ihr seid Faschisten, ihr seid die Dummen, ihr seid die Verräter! Wir haben die Stengel von dem sauren Gras gegessen, Kislitze hat es geheißen. Aufgelesen haben wir, was auf den Feldern lag, was die Russen nicht wollten, das war unser Winteressen. Wir haben gedacht, dass wir verhungern müssen! Die kleine Kammer neben unserem Zimmer haben wir bis oben voll mit dem Kraut gefüllt. Das fror, und wir haben davon geholt im Winter und Suppe gekocht. In dem Winter sind die Pferde verhungert. Einmal kam ein Mann von den Oberen und hat gesagt: „Johann, dort ist ein Pferd gefallen. Geh, du hast nichts zu essen, hack dir ein Stück ab!“
Was wir tragen konnten, haben wir über den Fluss gebracht zu unserer Hütte und aufgetaut. Ein Beil hatten wir nicht. Mit dem Messer haben wir alles verschnitten und wieder in den Frost gebracht, dass es gefroren ist. Und so haben wir immer beigeholt und gekocht. Niemand, meinem ärgsten Feind will ich den Hunger nicht wünschen! Der Hunger ist ein böses reißendes Tier!

Mein Mann hat Wasser gefahren, jeden Abend hat er gebracht einen Arm voll Stroh. Darauf hat er geschlafen. Morgens musst´ er fort, hab ich mir das Stroh genommen auf die Füß und unter den Kopf ein Scheit Holz und hab geschlafen.
So ging es acht Jahre, dann durften wir fahren. Mein Bruder war bei der Trud-Armee in Uljanowsk, aber wir kamen nicht bis dahin. Ein Kommandant in Idrinsk hat gesagt: „Ihr bleibt hier! Euch lasse ich nicht weg!“ So blieben wir in Idrinsk, das ist ein Dorf in der Taiga bei Krasnojarsk, sechshundert Kilometer weg. Mein Bruder kam von der Trud-Armee zu uns. Wir mussten in einer Flachsfabrik arbeiten. Mein Mann hat an der Maschine gestanden und immer den Staub eingeschnauft. Davon hat er Asthma gekriegt, in achtzig ist er daran gestorben.

Tag und Nacht ist Tochter Alwina Unterberg für die Mutter da.

Tag und Nacht ist Tochter Alwina Unterberg
für die Mutter da.

Wir durften bis Ende der siebziger Jahre kein deutsches Wort auf der Straße sprechen! Die letzte Zeit, da konnte man nicht klagen. Die jungen Leute waren jetzt alle schon gemischt, die Russen haben Deutsche und die Deutschen haben Russen genommen. Aber die Alten, die wollten nichts wissen!
Ich habe dreizehn Kinder geboren und zwei Pflegekinder gleich nach ihrer Geburt genommen. Von meinen Kindern leben noch sieben. Vier sind in Deutschland, die anderen möchten auch kommen. Eine Tochter und eine Pflegetochter in Idrinsk haben die Papiere vor vier Jahren abgegeben, vielleicht kommt das Glück, dass sie nun fahren dürfen! Der Flieger ist zu teuer, die Leut fahren nach Moskau mit dem Zug und dann drei Tage mit dem Bus nach Deutschland.

Ich habe fünfundzwanzig Enkel. Vorige Woche hat mein Enkel Andreas geheiratet. Auf der Hochzeit waren siebzig Leute, viele Deutsche von hier sind gekommen. Die ganze Nacht haben sie gefeiert. Sie haben zu uns gesagt: „Mengt euch unter die Leute hier, dann wird´s euch noch besser!“
Alle Tage kommen meine Kinder und Enkel, die hier wohnen. So gut ist es mir in meinem ganzen Leben nicht gegangen.

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